„Von Herborn Richtung Ammersee, der Sonne entgegen“

Wunsch erfüllt dank Malteser-Herzenswunsch: Marta Behrendt hat im Beisein von Freunden Platz genommen auf der Bank in Inning am Ammersee, die sie selbst gestiftet hat.
Sylke Trense, Stellvertretende Koordinatorin Herzenswunsch (Malteser Hilfsdienst e.V., Gliederung Wetzlar), Marta Behrendts Freundin Claudia Reich, die die Fahrt begleitet hat, Marta Behrend, Markus Ferber (Ehrenamtlicher Helfer, Malteser Hilfsdienst e.V., Gliederung Wetzlar)

Wetzlar/Herborn/Ammersee. Der Malteser Hilfsdienst im Lahn-Dill-Kreis erfüllt lebensverkürzt erkrankten Menschen solche Wünsche, die die letzten im Leben sein könnten. Auch Marta Behrendt aus Herborn hatte einen solchen Wunsch: „Noch einmal an den Ammersee fahren, wenigstens einmal selbst auf der Sitzbank sitzen, die ich in Inning am Ammersee gespendet habe.“ Die Malteser haben es möglich gemacht: Mit dem Herzenswunschkrankenwagen und zwei ehrenamtlich Helfenden ging es am 15. Oktober von Herborn mit einem Zwischenstopp auf dem Münchener Viktualienmarkt nach Inning, wo Marta Behrendt bereits von Freundinnen und Freunden sowie Mitgliedern einer MSA-Gruppe, die sie mitbegründet hat, erwartet wurde. „Darunter waren auch bekannte Forscher und Ärzte und der Vorstand eines Vereins, sie alle setzen sich für MSA-Erkrankte ein“, freut sich Marta Behrendt nach der Reise.

Multisystematrophie (MSA) ist eine schnell fortschreitende und unheilbare neurologische Erkrankung, mit etwa fünf bis neun Jahren Lebenserwartung nach Diagnosestellung, die neben anderen körperlichen Symptomen Ausfallerscheinungen u.a. bei Sprache und Motorik zur Folge hat. „Wie auch der Name sagt, es werden mehrere Körpersysteme befallen, innere Organe, und vom Schlucken bis Schwitzen alles möglich“, erklärt Behrendt. Mal eben ins Auto, in den Zug oder das Flugzeug steigen und von Herborn, wo Behrendt krankheitsbedingt in einer Einrichtung für betreutes Wohnen lebt, nach München fahren, wo sie vor ihrem Umzug zu Hause war und wo sie ihren Freundeskreis hat, das ist für sie aufgrund der fortgeschrittenen Krankheit unmöglich.

Eine in München lebende Freundin machte sich daher auf die Suche nach einer Reisemöglichkeit für Marta Behrendt – und wurde auf der Internetseite des Malteser Hilfsdienstes in Bayern fündig. Dort fand sie das Angebot des Herzenswunschkrankenwagens: „Träume und Wünsche bekommen eine ganz andere Dimension, wenn Menschen wissen, dass sie nicht mehr lange zu leben haben. Diese letzten Wünsche, die den Menschen oft alles bedeuten, wollen wir ihnen erfüllen“, heißt es dort. Die Freundin setzte sich mit den Maltesern in Bayern in Verbindung, gemeinsam entschied man, dass es aus logistischen Gründen einfacher sei, die Reise in Herborn zu starten. So kamen die Malteser in Wetzlar ins Spiel.

In Wetzlar steht für das Projekt „Herzenswunsch“ ein zwölfköpfiges Team bereit, darunter ausgebildete Einsatzsanitäter und -sanitäterinnen sowie Rettungs-, Notfallsanitäter und Rettungsassistenten, die die Fahrt ehrenamtlich in ihrer Freizeit begleiten. „Begleiten“ heißt es deshalb, weil die „Gäste“ während des Transports keine Patienten im klassischen Sinne sind. Am Samstag, dem 15. Oktober waren diese Begleiter eine Freundin von Marta Behrendts sowie Markus Ferber, erfahrener Rettungsdienstmitarbeiter der Malteser und Sylke Trense, stellvertretende Koordinatorin des Dienstes am Standort Wetzlar. „Unsere Gäste werden während der Fahrt zwar medizinisch versorgt, aber anders als bei einer Fahrt im Krankenwagen, wo das medizinische Personal die Verantwortung trägt, sagt bei einer Herzenswunschfahrt dagegen der Gast – im wahrsten Sinne des Wortes – wo es langgeht“, erklärt Ferber.

Herzenswunschkrankenwagen (HWK)

Der Herzenswunschkrankenwagen bringt Menschen in der letzten Lebensphase dorthin, wo sie allein nicht mehr hinkommen. Noch einmal das Meer sehen, das Heimatdorf besuchen, an einer Familienfeier teilnehmen, im Fußballstadion dem Lieblingsclub zujubeln, noch einmal auf einem Konzert der Lieblingsband abfeiern – auf diese Weise können schwerkranke Menschen Abschied nehmen, noch einmal genießen oder sich einfach noch einmal wie früher fühlen. Der Malteser-Einsatz kostet den Gast und seine Angehörigen nichts, die Herzenswunschfahrten werden komplett aus Spenden finanziert und leben vom Engagement des Malteser Hilfsdienstes und seiner Ehrenamtlichen.

Marta Behrendt schreibt offen über ihr Leben mit der Krankheit

In ihrem Internetblog www.leben-mit-msa.de schreibt Marta Behrendt darüber, wie sie 2018 die Diagnose „MSA-C“ erhalten hat und dass sie erste Symptome dieser Krankheit, von der sie bis dahin nie gehört hatte und für die es bisher keine Heilung gibt, bereits 2016 spürte. „Ich bin Grafikdesignerin, habe eine Grafik-Abteilung geführt, Fotoshootings geleitet und bis vor einigen Jahren als E-Commerce Managerin gearbeitet“, beschreibt sie ihr Leben, das bis zu ihrer Krankheit „schnelllebig war, man hat mich als starke und selbstbewusste Frau gekannt“. Willensstark ist sie noch heute, daher hat sie alles darangesetzt, den Ammersee und ihre Freunde in Bayern noch einmal zu besuchen. „Dass sich dieser Wunsch erfüllt hat, bedeutet für mich ganz viel. Es war mein ‚Herzenswunsch‘ und mein letzter Punkt auf meiner Bucket List“, sagt Marta Behrendt.

„Eine bewegende Erfahrung und bleibende Erinnerung“

„Ich habe 28 Jahre hauptberuflich im Rettungsdienst gearbeitet, da habe ich viel gesehen und erlebt“, sagt Markus Ferber. „Aber die Fahrt mit Marta Behrendt war auch für mich eine besondere Erfahrung, die bleiben wird, denn es war sehr emotional und von viel positiver Energie begleitet.“ Von Herborn aus Richtung Süden „bei Nebel und Regen“ ist die Gruppe morgens „der Sonne entgegen“ gestartet, wie Markus Ferber beschreibt. Mittags gab es einen Zwischenstopp auf dem Viktualienmarkt in München, gegen 16 Uhr wurde Marta Behrendt mit ihren Begleitern am Ammersee von Freunden und anderen MSA-Erkrankten inklusive Angehöriger freudig begrüßt.

„Die Aufgabe des Herzenswunsch-Teams ist es, so viel wie nötig zu unterstützen und sich so viel wie möglich im Hintergrund zu halten“, erklärt Markus Ferber. Daher habe „ihre Gästin“ den Nachmittag und Abend im Freundeskreis verbracht. Am Sonntagmorgen nach einem gemeinsamen Frühstück mit der MSA-Gruppe und Freunden am sonnigen Ammersee, ging es nach einer Stadtrundfahrt durch München, geführt von Marta Behrendt, zurück nach Herborn.